Wellness im Südtirol

veröffentlicht am 28.12.2016

 

Wellness mit Verwöhnpension in der Feinschmeckerregion Südtirol: Das könnte eine gewichtige Angelegenheit werden! Ob eine gesunde Vitalküche und viel Bewegung auch Entspannung beim Blick auf die Waage bieten können? Ein Selbstversuch. 

A bisserl Dolce Vita

Ich bin im Himmel. Kaiserschmarrn, tatsächlich. Bei meiner Ankunft auf der Sonnenseite der Alpen gibt es den süssen Klassiker zur Marende, zum Zvieri. Kaiser, Knödel und Co. machen mich glücklich. Nur setzen sie sich schon beim Gedanken daran auf meiner Hüfte fest. So gesehen also kein perfekter Auftakt. Denn ich will beim Wohlfühlen nicht dick werden, will mein Gewicht von 57,3 kg halten, nur an innerer Ruhe und Ausgeglichenheit möchte ich bitte schön zulegen. Das Hotel Hohenwart in Schenna bei Meran klingt nach einem Ort mit grosser Entspannungskraft. Und verleitet mich gleich zu einer mentalen To-do-Liste: Solepool auf dem Dach. Massage mit Traubenkernöl. Rosendampfbad. Weinbergspaziergang. Flauschig sein im Bademantel. Abtauchen. Ja, doch, der saphir-blaue Aussenpool lockt mit Dampfschwaden, die aus dem warmen Wasser in die kalte Luft steigen. Ich gleite von einem Beckenrand mit Zitronenbäumchen und Palmen zum anderen Ende mit noch grünen Mandarinen. Zitrone-Mandarine retour, 30 Längen à 20 Meter. Ob ich mir zur Belohnung eine Rosenöl-mit-Karitébutter-Massage gönnen soll? Passt! 

Mediterranes auf dem Teller
Rosen blühen hier vor der Haustür. Die Weintrauben wachsen rundherum wie auch die Wildkräuter und die Salate vorm hoteleigenen Bergbauernhof, wo auch die Lämmer grasen. Regionalität und Saisonalität sind für die Küchenchefs der «gesunden, vitalen Genussküche» ein Glaubensbekenntnis. Und wie «Hohenwart»-Küchenchef Markus Marmsoler beifügt: Frische. Erst am Morgen hat er drei Lämmer ausgebeint. Die Lamm-Variationen kommen als leichtes Degustationsmenü auf den Teller. Gleichzeitig spielt er mit vegetarischen Gourmetkreationen, zu denen er sich bei Praktika bei sternedekorierten Köchen inspirieren lässt. Wenn er die mediterranen Zutaten aufzählt – Barba di frate, Radicchio, Cima di rapa, Catalogna – glänzen seine Augen. Keine Frage, in der Küche sind die Südländer höchst willkommen. Politisch verlief der Einzug der Italiener in Südtirol aber ganz und gar nicht harmonisch. Fast 600 Jahre lang gehörte die Region zum Habsburgerreich, bis es die italienischen Truppen nach dem Ersten Weltkrieg, 1918, besetzten.

Es sitzt sich so schön
Als Invasionsort für noble Müssiggänger und Bergromantiker sind die südlichen Alpen schon lang beliebt. Bereits im 17. Jahrhundert kam die High Society zur Kur in die Bäder und stieg in der heissen Jahreszeit auf die Berge. Die Südtiroler machen es einem ja auch ganz leicht, sich aufgehoben zu fühlen. Bodenständig sind die Menschen, und sie strahlen viel Begeisterung aus – für ihre Gäste so wie für ihren Flecken Heimat oder auch nur für ein Glas selbst gemachte Zwetschgenmarmelade. Die Begeisterung packt auch mich, als ich von Meran nach Bozen fahre, entlang der östlichen Bergflanke, die bei den Meranern Tschöggelberg heisst und bei den Boznern Salten. Im Hotel Belvedere, das im Dorf Jenesien auf einem Logenplatz über Bozen sitzt, fällt mein Blick in die Tiefe auf die Stadt, gleitet von den Gipfeln im Trentino zur Felsarchitektur der Dolomiten mit ihren Obelisken. Gipfel schauen, das ist mir Drama genug. Berge und Seligkeit in Breitbandformat. Ich fühle mich etwas schwindlig ob so viel Bergpanorama. Oder vielleicht ein wenig so wie Goethe, der im Jahr 1786 via Südtirol nach Italien reiste und über diese bleichen Dolomitentürme staunte. In seinem Reisetagebuch notierte er, dass die chaotisch angeordneten Zacken wohl am besten von Mineralogen erforscht würden. Genau das machte der junge Forscher Dieudonné de Dolomieu auch und entdeckte dabei ein unbekanntes Kalkgestein. Es bekam seinen Namen: Dolomit. 

Im «Belvedere» habe ich nur ein Problem: Hier sitzt es sich so schön, dass ich mich kaum aufraffen kann. Dabei will ich doch noch hinauf zu den berühmten Lärchen auf der Saltener Hochebene. Weit ist es nicht, nur steil. Also eine Mission fürs E-Bike. Denn lieber 300 Höhenmeter mit Antrieb als mit 1000 heimlichen Flüchen. Passt scho! Zwischen Lärchenhainen sehe ich mystische Nebelschwaden in den Tälern liegen. Es riecht ein wenig nach Nadelwald – und nach Pferdemist. Der Salten ist die Heimat der Haflingerpferde. Den Duft der Lärche werde ich später im «Belvedere»-Spa einatmen können, wo Lärchenöl für durchblutungsfördernde Massagen verwendet wird. 

Achtung, Buffet!
Aus der Umgebung stammen auch viele der Produkte, die in der Hotelküche verwendet werden. Obwohl Küchenchef Cristian Foroni vom Gardasee kommt und eine grosse Portion Italianità mitgebracht hat. Sein Antipastibuffet reicht von Vitello tonnato über eingelegte Auberginen bis zur Insalata di polpo.

Ich beobachte, wie manche Gäste mehrmals ans Buffet schlendern. Zum Glück widerstehe ich der Versuchung, denn die abschliessende Orangen-Crème-brulée hätte ich auf keinen Fall verpassen wollen: So luftig-leicht, als hätte ich nur Orangenaroma im Gaumen. Complimenti! Der «Belvedere»-Ausblick hat meine Sehnsucht geschürt, die Sehnsucht der Flachländerin nach den Gipfeln. Via Bozen wechsle ich hinüber auf die andere Talseite ins Bergdorf Tiers, wo das Hotel Cyprianerhof dem Rosengartenmassiv zu Füssen liegt. Berge lassen mich augenblicklich stumm werden. Im warmen Pool zu liegen und zu den spitzigen Hörnern und Fingern hinaufzublicken, ist für mich die perfekte Fusion von südländisch und alpin.

Auch in der Küche kreuzen sich die Geschmäcke, wo die junge Küchenchefin Monika Damian traditionelle Rezepte vom Berg mediterranisiert. So kreiert sie ehrliche, spontane Gerichte. Was die Produzenten der Region anliefern, wird tagesfrisch angerichtet. Die alte Karottensorte vom Tierser Bauern. Die Saiblingfilets aus der Zucht im Passeiertal. Die Brennnesseln von der Kräuterwanderung. Als Geschmacksverstärker nutzt sie Kräuter und setzt auf schonende Garmethoden. Ihr kulinarisches Credo würde man auf Neudeutsch wohl als «Clean Cooking» bezeichnen. Monika Damian sagt dazu einfach: «Wir mochn alles selbst.» Beim Abendmenü treffe ich dann auf einen meiner Lieblinge, Palatschinken. Und mitten im Glück schrillt mein innerer Waage-im-Hoch-Alarm. Drei Abende mit vitalen Fünfgängern? Zu viel! Ganz klar, ich muss den Fitnessfaktor meiner Wellness erhöhen. 

Jetzt wird geschwitzt
Ich muss mich an Andreas Boniatti wenden. Andreas Boniatti ist Fitnesstrainer, Sauna-Aufgussmeister, Kräuterdruide, Gladiator, kurz: der Mann fürs Grobe. Er wird mit mir in die Höhe wandern. Zwar machen wir die Softie-Variante, nehmen den Bus ein Stück hinauf. Doch auch der kurze Aufstieg bis unter die Steilwand des Rosengartens kostet mich Schnauf und Energie. Als Detoxprogramm wähle ich danach die Schupfensauna, wo Andreas Boniatti seinen Kräuterinferno-Sauna-Aufguss zelebriert. Er tritt im Gladiatorenkostüm an, seine Waffen sind die selbst destillierten ätherischen Öle. Zahm beginnt er mit einer Minze-Eukalyptus-Mischung, steigert auf Zitronenmelisse, nur um dann den infernalischen Kräutermix mit viel Wasser aufzugiessen. Dabei wedelt er sein Handtuch wie ein hysterischer Fahnenschwinger. Jeder Schwall Hitze treibt mir Perlen aus der Haut, ich schmachte wie eine kräutermarinierte Zwiebel in der Hölle. Am nächsten Morgen mache ich mich wunderbar satt und unbeschwert – im Magen und im Geist - auf den Heimweg. Ich bin entspannt. Vielleicht ist Andreas Boniatti tatsächlich ein Kräuterhexer.

Kleiner Nachtrag: Zielankunft zu Hause mit 56,7 kg Gewicht. Passt!

Copyright-Hinweise

Fotos: Gunnar Knechtel  |  Text: Petra Koci

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Reise-Highlights

1 | Genussmarkt Pur Südtirol in Meran

Freiheitsstr. 35, 39012 Meran

Alle Spezialitäten Südtirols auf einer Ladenfläche, direkt angeliefert von den Bauern, Produzenten und Winzern der Region: frisches Gemüse, Marmeladen, Kräuter, Brote und Gebäck, Fruchtsäfte, Cidre und Weine. Es gibt eine grosse Käse- sowie eine Speck- und Salami-Theke.

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2 | Genussmarkt Pur Südtirol in Bozen

Perathonerstr. 9, 39100 Bozen

Das Pur findet man in Meran wie auch in Bozen.

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3 | Genusswanderung Schenner Waalweg

Schlossweg 14, 39017 Schenna

Waale, so heissen die Wasserkanäle zur Bewässerung der Apfelplantagen. Der Schenner Waalweg ist eine leichte, etwa 6 km lange Wanderung vom Dorf Schenna aus. Der Weg führt durch Obstwiesen oberhalb des Dörfchens St. Georgen – berühmt für die Fresken in der Burgkapelle – und bietet Ausblicke auf Meran.

4 | Schenner Speckladele

Vorlandweg 22, 39017 Schenna

Familie Illmer produziert die verschiedenen an der Luft getrockneten Specksorten, Salami und die berühmten Kaminwurze – kalt geräucherte, luftgetrocknete Würste mit einer geheimen Würzmischung – selbst. Jeden Freitagnachmittag kann man sich einer Führung anschliessen und die Wurstwaren degustieren.

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5 | Sektkellerei Arunda

Prof.-Josef-Schwarz-Strasse 18, 39010 Mölten

Sepp Reiterer ist in Südtirol als Mr. Sekt bekannt. Seine Kellerei Arunda liegt im Dorf Mölten auf dem Salten zwischen Meran und Bozen und ist die höchstgelegene Sektkellerei Europas. Hier produziert Reiterer im Felsenkeller hochwertige Sekte nach der klassischen Methode, alle sind handgerüttelt. 

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6 | Zur Haniger-Schwaige

Haniger-Schwaige, 39050 Tiers

Wandern oder Schneeschuhlaufen direkt unter dem Rosengartenmassiv: Von Tiers zu Fuss (oder mit Bus) auf den -Nigerpass und über die Angelwiesen mit 360 Grad Aussicht zur Haniger Schwaige. Diese Alphütte ist im Sommer und im Winter bewirtet. Danach absteigen zur Kehre Nr. 8 (Bus) oder ganz hinunter nach Tiers.

7 | Hochplateau Salten

Langfennweg 1, 39010 Mölten

Ob mit Mountain- oder E-Bike, hoch zu Ross oder zu Fuss: Der Salten ist ein Hochplateau mit Wiesen und Lärchenhainen. Zwischen den Bäumen fällt der Blick auf die umliegenden Gipfel. Ein schönes Ziel ist das Gasthaus Langfenn mit dem Kirchlein St. Jakob. Wer will, nimmt von Bozen aus die Luftseilbahn nach Jenesien.