Eisfischen in Minnesota

veröffentlicht am 26.10.2016

 

Kalt und mühsam – so stellt sich der Laie das Eisfischen vor. Heimelig und entspannt erlebten wir als totale Anfänger auf dem Mille Lacs Lake im US-Bundesstaat Minnesota das Fischen auf dem Eis.

Fisch frisch aufgetaucht

Wie so oft im Leben wäre auch beim Eisfischen Erfahrung hilfreich. Wer in Bächen Forellen angelt, hat vielleicht schon mal einen zappelnden Fisch in den Händen gehalten. Wer campen geht, ist sich die Enge von Kleinstbehausungen gewohnt. Doch meine Frau Marianne, Fotograf Peter und ich als Schreiber, sind Extremstädter, die es aus Europa in die Metropole New York verschlagen hat.

Wir haben von nichts Ahnung
Das entmutigt uns aber nicht, Eisfischen zu gehen. Unser Ziel, das Hunter Winfield’s Resort, liegt zwei Stunden nördlich von Minneapolis. Die Fahrt führt durch eine flache, leicht verschneite Landschaft. Grashalme durchstechen die dünne Schneedecke wie Federstriche auf weissem Papier.

Unterwegs erwerben wir im Sportladen Reeds einen Angelschein. Nach Vorlegen des Personalausweises zahlen wir als Auswärtige dem Staat Minnesota 33 Dollar für drei Tage Angeln. Reeds ist ein Paradies für Ausrüstungsfanatiker. Sie finden hier alles, was ihr Herz begehrt, von klitzekleinen Fischhaken in hundertfacher Variation bis zu massiven Eisbohrern. Marianne kauft Ohrenstöpsel, denn angeblich krachen die Eisplatten laut, wenn sie gegeneinander stossen. Beim Resort angekommen, breitet sich vor uns der zugefrorene Mille Lacs Lake unter der fahlen Novembersonne aus: endlos weit und weiss. Der 33-jährige Manager Dave Estrem ist in dicke Polarkleidung gepackt und hat die Wollmütze tief in die Stirn gezogen. Als er mit routiniertem Griff die Schlafsäcke und Kopfkissen in den Truck lädt, kommt kein unnützes Wort über seine Lippen. Wir fahren los.

Ins Eis gepflügte Fahrbahn
Der Konvoi von drei vierradgetriebenen Wagen rollt aufs Eis. Sorgfältig halten wir einen Abstand von zehn Wagenlängen und bleiben unter vierzig Stundenkilometer. Wir fahren auf einer ins Eis gepflügten Fahrbahn, zwischen vereinzelten kleinen «Ice Houses» hindurch.

Rund 5000 temporäre Fischerhütten stehen auf den über 536 Quadratkilometern des zweitgrössten Sees von Minnesota. Die Monate Dezember bis Februar sind die Hauptsaison auf den 5493 fischbaren Seen des Gliedstaats, wo fürs Fischen jährlich über 1,5 Milliarden Dollar ausgegeben wird.

Nach einer halben Stunde auf der weissen Eisfläche wird uns mulmig: Wie werden wir aus dieser Einöde je herausfinden? Krampfhaft versuchen wir uns, Orientierungspunkte zu merken. Zum Glück steckt an einer Abzweigung ein Tannenbäumchen im Eis. Dann sind wir am Ziel, in einer weit verstreuten «Siedlung» von einem halben Dutzend auf dem Eis sitzenden Wohnwagen, die zum Resort gehören.

Weil die Sonne scheint, ist es nicht mal so kalt, wie erwartet. Das «Ice Castle Fish House», unser Heim für die nächsten zwei Tage, ist beheizt und alles andere als primitiv. Drin riecht es wohlig nach der Innenverkleidung aus rohem Tannenholz. Der Wohnwagen verfügt über ein halbes Dutzend Pritschen, einen Gasherd mit Backofen und eine angebaute Trockentoilette. Auf dem Küchenschrank läuft auf einem Flachbildschirm Satellitenfernsehen. Am auffälligsten sind aber die acht, in den Teppichboden eingelassenen Löcher, durch die blaugrünes Seewasser leuchtet.

Bevor wir uns gemütlich einrichten, fahren wir nochmals zurück ans Ufer und kaufen in Rod’s Bait & Tackle lebendige Köder ein. Auf Anraten Daves brauchen wir zwei Arten von Elritzen (kleiner Karpfenfisch), «Golden Shiners» und «Fatheads». Neben den etwa sechs Zentimeter langen Köderfischen kommt eine Plastikbüchse mit rot, blau und gelb eingefärbten Insektenlarven in den Einkaufskorb. Dann verwöhnt uns in «Da Boathouse» Koch Lincoln Anderson mit lokalen Spezialitäten. Die angeblich in Minnesota perfektionierte «Juicy Lucy» ist ein Hamburger mit geschmolzenem Käse im Innern der Hackfleischplätzchen. Gesünder ist «Walleye Almondine», ein amerikanischer Zander mit Mandeln, Hollandaise und Broccoli.

Der Walleye, auch amerikanischer Zander genannt, ist der begehrteste Fisch des Mille Lacs Lake. Um ihn anzulocken, stecke ich später, zurück im Eishaus, einen Köderfisch auf den Angelhaken und lasse die Schnur mit dem über dem Loch angebrachten «Rattle Wheel» durch das sechzig Zentimeter dicke Eis hinab ins kalte Wasser gleiten. Nach zwölf Metern ist die maximale Tiefe erreicht, und wir starren auf die reglose Schnur.

Nach Mitternacht gehts los
Die Action kommt um 00:45 Uhr. Ich stecke im Tiefschlaf, als mich plötzlich Peter weckt. Er hat das Bimmeln des Glöckchens im Rasselrad gehört. Schlaftrunken wickle ich die Angelschnur auf, und tatsächlich hängt da ein ansehnlicher, etwa 30 Zentimeter grosser Walleye.

Noch im Pyjama muss ich mit dem unerwarteten Fang fertig werden. Zum Glück ist der Zander zu klein, als dass ich ihn töten müsste, denn Minnesota erlaubt nur die Entnahme von Exemplaren über 45 Zentimetern Länge. Mit einiger Mühe schaffe ich es, den glitschigen Fisch mit einer Zange von dem im Rachen sitzenden Haken zu befreien, bevor ich ihn dem Wasser zurückgebe.

Insgesamt beissen zwei weitere Walleyes an, doch bei ihnen habe ich weniger Glück. Einmal reisst die Schnur, und der Fisch verschwindet in die kalte Tiefe. Ein anderes Mal sitzt der Haken so ungünstig im Schlund, dass ich ihn nicht herauskriege. Mir bleibt nur übrig, die Schnur zu kappen. Der Fisch könne überleben, tröstet der «Beginner’s Guide to Ice Fishing», weil die Magensäure den Haken allmählich auflöse.

Wenn sich die Zander zieren
Am Blick durch die halb angelaufenen Fenster können wir uns nicht sattsehen. Die Strahlen der aufgehenden Sonne tauchen die riesige Eisfläche in magische Farben. So muss es bei klarem Himmel am Südpol aussehen. Der Generator ist weit vom «Ice House» entfernt, und kein Motorengeräusch stört die Stille. Anders als befürchtet, knirscht das Eis ganz leise nur dann, wenn sich ein schweres Auto unserer Hütte nähert.

Weil sich meine Reisegefährten dem Fischen verweigern, bin ich ausgelastet. «Perch», den häufiger vorkommenden Flussbarsch, überlistet man angeblich, indem man Insektenlarven mit einer Angelrute hoch und niederbewegt. Doch so emsig ich mit bis zu neun Larven auf dem Haken auch wippe, kein Barsch fällt auf meinen Köder herein.

Wie man richtig fischt, zeigen uns dann zwei Gäste in einem benachbarten Eishaus. James Vasquez und Ben Bauer aus South und North Dakota haben nicht nur ein Sonargerät, das ihnen mit Alarmtönen meldet, wenn ein Fisch beim Köder schwimmt, sondern sie lassen sogar eine Videokamera in die Tiefe und verfolgen auf dem Bildschirm, das Bier in der Hand, wie sich die Zander zieren.

«Es ist irgendwie Betrug, aber es macht Spass», gibt Vasquez zu. Ben und er gehen schon zum sechsten Mal gemeinsam Eisfischen. «Ich tue es, um von der Arbeit wegzukommen», sagt Vasquez. Zudem sei er «sehr verheiratet». Seine Frau schicke ihn jeweils zum Fischen. «So halten wir den Frieden aufrecht.»

Kulinarisch mögen sich die zwei Männer nicht mit ihrer Beute abgeben. Sie braten Würstchen auf einem tragbaren Grill. Doch wir wollen die Früchte des Sees geniessen. Manager Dave Estrem hilft uns dabei. Am späteren Nachmittag bringt uns der Profi frisch gefangene Fische und säubert sie im Freien.

Dank mitgebrachten Gewürzen zaubert Marianne drei Gerichte hin: Ganze Zander füllt sie mit Zitronen und Kräutern und backt sie auf einem Gemüsebett. Mit Tomaten gefüllte Barschfilets bindet sie mit Frühlingszwiebeln zu Röllchen und serviert sie auf Lattich-Blättern. Und leicht panierte Barschfilets brät sie mit scharfen Gewürzen und Zitronenschnitzen in brauner Butter. Selbst auf Papiertellern mit Plastikbesteck schmecken die Fische so köstlich wie beste Eglifilets aus einem Schweizer See.

Nach zwei Tagen und Nächten in Dreisamkeit auf dem Eis fällt uns der Abschied schwer. Zurück in Minneapolis, geben wir uns einen Ruck und tauchen zum Abschluss in die Kunstwelt der Mall of America ein. Im mit über 400 Läden grössten Shopping Center der Welt ist es einfacher als auf dem Eis, einen guten Fang zu machen. Aber viel, viel weniger romantisch.

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Text: Martin Suter | Fotos: Peter Lueders

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Reise-Highlights

1 | Hunter Winfield’s Mille Lacs Resort

510 W. Lake Street, Isle, MN 56342

Das vom Ehepaar Mike und Margie Christensen geführte Resort ist eines der besten am Mille Lacs Lake. Im Winter bietet es komfortable «Ice Houses» auf dem zugefrorenen See. Nebst Angelausrüstung werden Schlafsäcke, Kissen und Küchengeräte zur Verfügung gestellt. Im Sommer vermietet das Resort Bungalows an Land und Boote für auf den See. Auch Fischerausflüge werden organisiert.

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2 | Hotel JW Marriott Minneapolis Mall of America

2141 Lindau Ln, Bloomington, MN 55425

Seit 2015 verfügt die beliebte Mall of America über ein eigenes Luxushotel. Das JW Marriott ist in dunklem Holz modern gestaltet und sehr gut geführt. Das grösste Einkaufszentrum der Welt liegt ideal für Touristen, die vor ihrer Heimreise noch ein Mitbringsel suchen. In seinem Restaurant Cedar + Stone serviert -Chef-koch Everton Clarke eine raffinierte, lokal angehauchte Küche. Das Corn Bread allein ist einen Besuch wert.

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3 | Casper & Runyon's Nook

492 Hamline Avenue S. Saint Paul, MN 55116

Die berühmteste kulinarische Erfindung der «Twin Cities» (Minneapolis und St. Paul) ist «Juicy Lucy». Bei diesem Hamburger liegt der geschmolzene Käse nicht über dem Rindfleisch, sondern steckt in ihm drin. Die besten «Juicy Lucys» werden in einem unscheinbaren Pub in South Saint Paul namens Casper & Runyon's Nook gebraten. In dieser irisch angehauchten Ecke, die sich als «a small place with big burgers» beschreibt, fühlt man sich wohl. Das Hackfleisch stammt von Black Angus Rindern.

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4 | Walker Art Center

1750 Hennepin Avenue, Minneapolis, MN 55403

Das Walker Art Center ist eines der wichtigsten Kunstmuseen Amerikas. Mit seinem Neubau gelang dem Basler Architekten-Duo Herzog & de Meuron der Durchbruch in den USA. Das Walker ist bekannt für seinen Skulpturengarten sowie seine wegweisenden Ausstellungen. In diesem Jahr wurde die Sammlung erweitert und der Garten vergrössert.

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5 | Weisman Art Museum

333 E River Pkwy, Minneapolis, MN 55455

Für Architekturfans lohnt sich auch das von Frank Gehry gestaltete Weisman Art Museum auf dem Campus der University of Minneapolis. Mit seinen runden Metallelementen erinnert seine Fassade an die des Guggenheim-Museums in Bilbao.

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